Der Typ vor der Stoffwand

Neben meinem Stoffregal hängt ein Bild. Ein junger Typ im Sakko steht vor einer Wand aus Stoffballen, so dicht gestapelt, dass man kaum noch einzelne erkennt. Viele, die ins Atelier kommen, übersehen es. Für mich ist es eins der wichtigsten Dinge hier.
Das Foto stammt aus dem ICON, dem Stilmagazin der Welt am Sonntag, Ausgabe Februar 2012. Wie das Heft genau zu mir kam, weiß ich nicht mehr. Irgendwer hat es mir geschenkt. Drin war eine Geschichte über Dries van Noten, und dieses eine Bild hat mich nicht mehr losgelassen.
Wer ist Dries van Noten?
Dries van Noten ist ein belgischer Modedesigner aus Antwerpen, Jahrgang 1958. Er gehört zu den „Antwerp Six“. So heißen sechs junge Absolventen der Antwerpener Kunstakademie, die Mitte der Achtziger in London ausgestellt und belgische Mode international bekannt gemacht haben. Sein Label steht für Muster, Farben und Stoffe, die eigentlich nicht zusammenpassen und es bei ihm trotzdem tun. Er ist Trends nie hinterhergelaufen, kam fast ohne Werbung aus und blieb lange unabhängig. 2024 hat er sich nach fast vierzig Jahren aus seinem Label zurückgezogen. Und ehrlich: Allein den Namen finde ich großartig.
2012 war ich 20 und mitten in meiner Ausbildung zum Damenmaßschneider. Rückblickend hat da mein Weg ins Handwerk angefangen. Was genau mich an dem Bild gepackt hat, kann ich bis heute nicht ganz erklären. Der Stoff natürlich: diese Menge, diese Farben, das Gefühl, mittendrin zu stehen. Und dann Dries van Noten selbst, der für mich immer gezeigt hat, wie viel Charakter Kleidung haben kann, wenn jemand den Stoff ernst nimmt.
Damals hatte ich das Bild groß ausgedruckt und auf eine Platte aufgezogen. Die Version hängt, glaube ich, heute noch bei meiner Mutter. Hier im Atelier hängt es jetzt gerahmt, direkt neben meinem Stoffregal. Vierzehn Jahre später habe ich also meine eigene Stoffwand. Nicht ganz so ordentlich gestapelt, aber meine.
Foto im Rahmen: Vanessa Maas für ICON / Welt am Sonntag, Februar 2012
